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Randulins

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„Randulins – das Haus der Schwalben“

ein Text von Mara Truog

 

In dem Haus steht die Zeit still. Nicht darum herum, da ist ein kleines belebtes Dorf in den Bergen, aber das Haus selbst ist losgelöst. Über viele Jahrzehnte, mehr als ein Jahrhundert, haben hier Menschen gelebt, sind ein und ausgegangen. In den Räumen wurde gestrickt, genäht, Novellen geschrieben, Baupläne gezeichnet, Tiere gehalten. Heute sind die ständigen Bewohner nur noch die Möbel. So alt wie das Haus selbst, werden sie nur selten ergänzt um Erbstücke, die nirgends mehr einen Platz finden. 

Die Menschen sind hier saisonale Gäste. Wenn der Frühling erwacht, kommen sie wie die Schwalben. Im Herbst werden die Fensterläden wieder geschlossen, die Wasserleitungen entleert und die Zugvögel verlassen das Tal in Richtung Süden. In den Monaten dazwischen ist es das gemeinsame Dach der Familie, der Freunde und der Randulins. Ich habe hier nie fest gelebt, und dennoch fühle ich mich nirgendwo sonst mehr zuhause als in der Chasa gronda (was soviel heisst wie grosses Haus). Es verbinden sich hier Herkunft und Erinnerung, Gefühle von Sicherheit und Nostalgie mit meinem aktuellen Leben. Diese Mischung ist mir Heimat und schon auf dem Flüelapass oder bei der Ausfahrt aus dem Vereinatunnel fühle ich sie. 

Das Haus lebt den Stillstand über Monate, ist losgelöst von allem und dann ist es Schauplatz von Festen, Spielplatz der Kinder und temporärer Arbeitsplatz. Über die letzten 20 Jahre hat mich das Gebäude als Zeuge vergangener Zeit und Ort des Familienlebens fasziniert. Wohl an keinem anderen Ort habe ich soviel fotografiert: die Stille, die Einsamkeit, die Ruhe und dann wieder meine Geschwister, mein Vater, meine eigenen Kinder, meine Hochzeit, die Ferien mit Cousins und Cousinen. Ein Bildarchiv ist so entstanden. Nun möchte ich die beiden Welten dieses Hauses in Portraits zusammen führen: die saisonalen Bewohner des 21. Jahrhunderts in der Einrichtung des 19. Jahrhunderts. Denn dieses Haus ist beides Vergangenheit und Gegenwart und mit uns auch Teil der Zukunft, mindestens für ein paar Monate im Jahr. 

Heimat erlebe ich hier in Lavin, in dem Haus in dem ich nie fest gewohnt habe, wo eine Sprache gesprochen wird mit der ich zwar aufwuchs, die ich aber nur im engsten Familienkreis spreche. Ein Haus das viele Brücken schlägt, zwischen Menschen und Zeiten und vieles offen lässt.