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Chatscha da Capricorns

Jagd auf den König der Alpen.

Eine freie Reportage von Mara Truog.

König der Alpen, so wird der Steinbock oft genannt.

Kein Tier steht mehr für Gipfel, Gletscher und Fels.

Und kein Tier ist bei Jägern wohl begehrter als der Steinbock.

Mara Truog hat den Bündner Jäger Flavio vor 11 Jahren das erste Mal bei einer Steinbockjagd begleitet.

Jetzt nach über 10 Jahren, war sie bei seiner zweiten Jagd mit ihm und seinen Jagdkollegen in den Bündner Bergen unterwegs.

Das es 10 Jahre gedauert hat ist kein Zufall. Denn als Jäger darf man sich nur alle 10 Jahre zur Steinwildjagd anmelden. Und auch dann entscheidet ein Los darüber, wer mit der Flinte losziehen darf.

Überhaupt ist den Jägern viel auferlegt, wenn sie den König jagen wollen: ca. 2 Jahre für die Jagdprüfung; mindestens 5 Hochjagden; ein intensiver Vorbereitungskurs; blosse 2 Wochen Zeit für die eigentlich Jagd; und viele Geduld und Ungewissheit wenn es endlich ins Gelände geht.

Flavio musste am Ende 11 Jahre warten. 2020 war das Los gegen ihn.

Diesen Oktober durfte er endlich los.

Mara Truog war, wie 2010, auch dieses Mal dabei. Allerdings mit gerissenen Bändern im Fussgelenk.

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Die Jäger sind meist in Gruppen unterwegs, aber nicht alle sind auf der Jagd. Drei Jäger sind als Helfer dabei. Nur Flavio und ein anderer Jäger ziehen mit dem Ziel los, einen Bock zu schiessen.

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Flavio (rechts) im steilen Gelände. Welches Tier ein Jäger schiessen darf, entscheidet das Alter. Die Jahrgänge der Jäger und Jägerinnen bestimmt, wie alt die Böcke sein dürfen, die sie jagen können. Wer einen zu alten Bock für seinen Jahrgang schiesst, wird gebüsst und der Bock vom Wildhüter konfisziert.

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Die Jagd beginnt jeweils früh morgens im Tal des Jagdgebiets. Von dort aus werden Steinbockherden gesichtet und festgestellt, ob für den Jäger ein passendes Tier dabei ist. Das Gebiet der Jagd, wie an diesem Tag der Umbrailpass, wird den Jägern vorher zugewiesen.

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Über den Tag hinweg, nähern sich die Jäger dem Steinbock. Dabei wird mehrmals mit Feldstecher und Zielfernrohr geprüft, ob der ausgesuchte Bock nicht doch zu alt ist. Die Bestimmung des Alters über die Distanz ist allerdings nicht einfach.

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Für Flavio, der dieses Jahr einen maximal 3 jährigen Bock schiessen darf, endet der Tag enttäuschend. Den Bock den die Gruppe lange verfolgt hat, dass ist der Konsens unter den Jägern, ist wohl eher 4 Jahre alt. Nach einer Woche Jagd heisst dass für Flavio, er hat nur noch 7 Tage Zeit einen passenden Bock zu finden. Ansonsten muss er wieder 10 Jahre warten.

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Ganz erfolglos verläuft der Tag dann doch nicht. Der zweite Jäger der Gruppe stellt einen 8 oder 9 Jahre alten Bock. Um das bis zu 70 Kilogramm schwere Tier nach dem Abschuss ins Tal zu bringen, dafür sind die Helfer auch mit dabei.

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Auch nachdem der Bock ins Tal gebracht wurde, wird noch emsig über das Alter des Tiers diskutiert. Rillen an der Hinterseite der Hörner sind hier der verlässlichste Hinweis. Am Ende hat aber der Wildhüter das letzte Wort.

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Die Berge um den Umbrailpass im Abendlicht.

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Die Jäger mit ihrem Beutetier. Was für viele unverständlich wirkt, ist für die Jäger im Engadin Teil ihrer Tradition. Wie die meisten Jäger, sind sie eng mit ihrer Umwelt verbunden. Und auch wenn am Ende die Trophäe stolz gezeigt wird, ist ihre Jagd vom Respekt vor den Tieren geprägt.

Hinter den Kulissen

Wie geht man mit gestandenen Jägern auf Steinbockjagd im Hochgebirge, wenn man sich kurz davor die Bänder im Fussgelenk reisst.

Gar nicht, das fand auf jeden Fall der Arzt von Mara Truog. Doch nochmal 10 Jahre auf Flavios nächste Jagd wollte sie nicht warten. Also zwängte sie ihren geschienten Fuss in die Wanderstiefel und biss sich durch.